Sinn und Unsinn wirtschaft-licher Geschäftsideen
Der Kabarettist Klaus Wührl mit seinem
"Leichenschmaus" und bitterbösen Anregungen zu Gast in
Höfingen
Leonberg. "Der Hausmann" Klaus
Wührl geht immer wieder an Grenzen - jene der
politischen Korrektheit und des guten Geschmacks.
Allerdings ist es genau das, was einen guten
Kabarettisten auch auszeichnet, wie er in Höfingen
gezeigt hat.
Von Gabriele Müller
Das Programm des Bayreuther Kabarettisten, zu dem
der SPD-Arbeitskreis Höfingen eingeladen hatte, sorgte
in der Aula der Grund- und Hauptschule für viel
Gelächter und für ein volles Haus. Klaus Wührls
samstäglicher "Leichenschmaus" hatte es in sich - nicht
zuletzt, weil Vokabular und Gepflogenheiten aus dem
Fränkischen für Schwaben nicht immer problemlos
nachzuvollziehen waren.
Wührl, in den vergangenen Jahren mit verschiedenen
Kleinkunstpreisen ausgezeichnet, würzt sein Programm -
wie der Titel vermuten lässt - mit einer guten Portion
schwarzen Humors. Diese Linie zieht der promovierte
Ökonom mit Marketing-Erfahrung konsequent durch. Wie es
sich für politisches Kabarett gehört, bekommen auch die
Volksvertreter rechts und links ihr Fett weg.
CSU-Minister Werner Schnappauf muss sich als "wandelndes
Gammelfleisch" titulieren lassen. Edmund Stoiber, das
"blonde Fallbeil", wird laut Wührl von Leichenfledderern
zerlegt, ehe er begraben ist. Und zu Reden von
Bundespräsident Horst Köhler empfiehlt er, Kissen und
Schmusedecken mitzunehmen, um besser einzuschlafen.
"Auch Köhler ist keine schöne Leich"", schließt Wührl
und hat damit noch immer keine Antwort auf die zentrale
Frage, was denn nun eine "schöne Leich"" tatsächlich
ist. Nachdem er auch Antworten wie "Claudia Schiffer"
und "Heidi Klum" ausgeschlossen hat, gibt er schließlich
des Rätsels Lösung preis: Es geht nicht um den toten
Körper, sondern um eine Feier: den Leichenschmaus. Die
von Wührl ausgiebig verwendete Kurzform ist, wie er
sagt, eine "McKinsey-isierung" der Sprache, also eine
Reduzierung nach wirtschaftlichen Gesicht-punkten.
Und damit ist er auf jener Schiene, die durchs gesamte,
fast dreistündige Programm führen wird. Mit großer
Überzeugungskraft stellt er seine Geschäftsidee der
"global playing Household-Facility-Management Ich AG"
vor, die "After Death Event Catering" betreibt, sprich:
sich auf die zeitgemäße Gestaltung und Vermarktung des
Leichenschmauses spezialisiert hat. Und weil Wührl "der
Hausmann" ist, nutzt er seine Kinder als Marktforscher,
die unter dem Deckmäntelchen von Sternsingen und
Halloween herausfinden, wo es demnächst Kunden für ein
solches Party-Event gibt. Ungerührt erklärt er, wie er
sie auf diese Aufgabe vorbereitet: mit
Gutenacht-Geschichten von Georg Trakl, Trauermärschen
auf der Blockflöte, dem Basteln von Särgen und dem
regelmäßigen Ausheben geeigneter Erdlöcher im Garten.
Nebenbei verteilt er Seitenhiebe auf Begriffe wie "Prekariat",
die uner-freuliche Umstände beschönigen, nimmt die
Bildungspolitik und die Globalisierung aufs Korn, den
Rechtsruck in vielen Köpfen und immer wieder - das
Gammelfleisch. Ganz köstlich sind seine Ausführungen,
wie vom Haushalt geplagte Eltern lästige Pflichten als
Assessment-Center verpacken und ihren Kindern als
begehrenswerte Profilierungschance verkaufen sollen.
Damit bringt er die Plagen des Alltagschaos" auf den
Punkt und führt zudem die fast krankhafte
wirtschaftliche Durchrationalisierung aller
Lebensbereiche sowie den Einsatz zielgruppenorientierter
Verkaufsstrategien ad absurdum. Der Mann weiß, von was
er spricht. Da verzeiht man es ihm, wenn seine Kost
stellenweise so scharf ist, dass man sie nicht ohne
weiteres schlucken kann.
Aktualisiert: 30.01.2007, 06:05 Uhr
Stuttgarter Zeitung